Augenblick verweile - Treffpunkt Essling - Mittendrin und doch Daheim!

kontakt | impressum
find us on: facebook instagram

Filter zurücksetzen

image

27.01.2026

Augenblick verweile

Barbara Deißenbergers Kolumne

Lyrische Momentaufnahmen: die “Tagsätze“ von Christl Greller

Ein Beitrag der Esslingerin und Schriftstellerin Barbara Deißenberger in ESSLING Nr. 13 - ein stadtteilmagazin (Ausgabe winter 2025/26, S. 35)

„Die Krone der Platane – vom Wind geplündert“ beginnt ein Tagsatz von Christl Greller. Er zeigt: Im Anfang ist die Wahrnehmung, das Außen reflektiert in einem Innen. Was einer Tag für Tag begegnet, alles, was man erlebt, löst Gedanken und Gefühle aus. Manchmal ist es auch umgekehrt. Dann nimmt man die Außenwelt geprägt von dem eben Gedachten und Gefühlten wahr. Die Grenzen sind fließend. Was nun, wenn eine Künstlerin sich vornimmt, davon jeden Tag etwas auszuwählen – einen Satz nur, von Belang – und niederzuschreiben? Genau das machte die Dichterin Christl Greller. Sie sammelte, fand und erfand „Tagsätze“, die über mehrere Jahre hinweg Wortschätze bilden. Schätze in zweierlei Hinsicht: Einerseits vermag es die Künstlerin noch im Alltäglichen das Besondere zu sehen und in Worte zu fassen. Etwa, wenn sie als „‚Fremde’ durch die eigene Stadt“ bummelt und „Futter für Herz und Hirn, Augen und Ohren“ findet. Andererseits ist es das Festhalten des vergänglichen Augenblicks selbst, das die Tagsätze kostbar macht. Aperçu heißt „flüchtige Wahrnehmung“. Als literarische Form weist es Richtung Aphorismus, also Sätzen, die gerade in ihrer Kürze verdichtete Bedeutung und Sinn in sich tragen. Christl Grellers „Tagsätze“ balancieren auf inspirierende Weise zwischen beiden. So fragt sie sich einmal, wann soll man „eine Gegenwart genießen“, die „eine Sekunde vorher“ noch Zukunft ist und „eine Sekunde später schon Vergangenheit“. Die Antwort geben womöglich die „Tagsätze“ selbst. Es kommt den Dichterinnen und Literaten zu, den Moment in Worten fassbar zu machen, auf dass er zum Genuss werde. Peter Handke hat von 1975-1977 einmal die „spontane Aufzeichnung zweckfreier Wahrnehmung“ unternommen, weil er „merkte, wie im Moment des Erlebnisses (...) auch die Sprache sich belebte.“ Das ergab eine „Phantasie der Ziellosigkeit“, die in „Sprachlebendigkeit“ mündete (Peter Handke: „Das Gewicht der Welt“).

„Greller sammelte, fand und erfand ‚Tagsätze‘, die über mehrere Jahre hinweg Wortschätze bilden.“ Barbara Deißenberger, Autorin

Bei Christl Greller haben wir den literarischen Glücksfall, dass feine Beobachtung auf lyrische Gestaltungskraft und ein gerüttelt Maß an Lebenserfahrung trifft. So kommen wir in den Genuss von poetischen Momentaufnahmen aus verschiedenen Perspektiven, mit denen wir uns ein Bild von Jahreszeiten, Beziehungen, Reisen, Sinnes- und Situationswahrnehmungen, Reflexionen, Emotionen und der Schönheit eines Gedankens, einer Idee oder eines einzigen Satzes machen können. Die Tagsätze laden ein zum Miterleben, regen an zum Nachdenken und überraschen immer wieder mit unerwarteten Wendungen eines Gedankengangs. Sie sind kaleidoskopisches Konfekt, dargeboten in kreativer Vielfalt und es gibt keinen Grund zu widerstehen. Hier noch eine Kostprobe: „Gestern fand ich in der Essigfabrik in der Vorstadt zweiundzwanzig weiße Kieselsteine. Mit diesem Geld kaufe ich mir ein Haus auf der Schaumkrone einer Welle.“

 

Christl Greller. TAGSÄTZE zur Nicht- oder Bewältigung. Poetische Notate. 

Edition Lex Liszt, 2025.

christl.greller@gmail.com

www.greller.at

YouTube: Das Gedicht der Woche von Christl Greller

 

 

Weitere Bilder:

image
Christl Greller, Schriftstellerin (Foto: Gabi Ehmayer)

Autorin: Barbara Deißenberger


Tagged: Literatur in Essling | Stadtteilmagazin |

Filter zurücksetzen



 

Kontakt: inspirine-mail: office@inspirin.at | Site by FC Chladek Drastil GmbH