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Irina Guda gibt im Heimat-Museum in Groß-Enzersdorf Deutsch-Unterricht für Geflüchtete aus der Ukraine (Foto: Manfred Schmid)

14.06.2022

Dobroho dnja. Guten Tag!

Kurz nach 11.30 Uhr stehe ich vor dem Heimatmuseum in Groß-Enzersdorf. An der Eingangstüre weist mich schon die handgeschriebene Info darauf hin, dass ich hier richtig bin. Hier finden seit kurzem Deutschkurse für Geflüchtete aus der Ukraine statt. Organisiert sind die Kurse von Irina Guda, einer gebürtige Ukrainierin aus Essling. Mit ihr habe ich den Termin für heute vereinbart, um über ihre Arbeit mit den Geflüchteten und die Menschen selbst zu schreiben.

Ich trete durch die vorderen Ausstellungsräumlichkeiten und höre schon die Stimmen aus dem Raum weit hinten. Im Schulungsraum sitzen etwa 15 Personen auf den zu einem U zusammengestellten Tischen. Irina Guda unterbricht kurz ihren Unterricht und begrüßt mich. Sie hat mich den Kursteilnehmenden bereits angekündigt. Ich gehe ans Ende des Raumes, um nicht weiter aufzufallen und die Blicke der Menschen wieder auf die Tafel zu lenken. Der Unterricht geht weiter. Auf dem Flipchart sind einfache Sätze wie "Guten Tag" oder "Mein Name ist ..." zu sehen. Die Kursteilnehmenden sind bunt durchgemischt. Da ein älteres Ehepaar, dort ein junges Mädchen, Männer und Frauen mittleren Alters. Alle wirken zufrieden. Man würde nie erahnen, welches Schicksal hinter den vielen Gesichtern steckt. Abwechselnd versuchen sie die Phrasen zu sprechen. Wenn etwas nicht klappt, korrigiert Irina Guda. Fast ein wenig streng klingt sie dabei aber es macht den Teilnehmenden dennoch Freude. Es wird gelacht und das Interesse ist groß.

Nach dem Unterricht darf ich einige von ihnen interviewen. Ich beginne mit Almina, einer 16-jährigen Schülerin. Sie kam Mitte März mit ihrem Vater aus Kiew nach Österreich. Sie wirkt anfangs etwas schüchtern, was sich jedoch nach den ersten Worten als komplett gegenteilig herausstellt. Erst versucht sie in gebrochenem aber verständlichem Deutsch mir einfache Fragen zu beantworten, was ihr auch gut gelingt. Später wechseln wir auf Englisch. Sie erzählt mir, dass sie ihre Schule weiterhin im Distancelearning absolviert weil aufgrund der Covid-Pandemie und den Einschränkungen der beiden Jahre zuvor alle Voraussetzungen gegeben sind. Ihr Wunsch ist es später zu studieren. Kurz darauf setzt sich ihr Vater zu uns. Mahmut, 48, ist Geschäftsmann. Er hat die Möglichkeit ortsunabhängig seinen Geschäften nachzugehen. Sein Handy liegt am Tisch und während des Interviews muss er ab und zu Anrufe entgegennehmen.Währenddessen setzt sich Viktor, 60 Jahre alt, mit seiner Frau dazu. Die beiden sind ebenfalls aus Kiew. Viktor ist bereits in Pension. Zuvor hat er als Programmierer gearbeitet. Sie alle erzählen mir sehr frei und ohne, dass ich viel nachfragen muss, ihre Geschichte. Da die meisten von ihnen selbst auch viele russische Verwandte und Freunde haben, ist es für sie völlig unverständlich, warum das alles so gekommen ist. Auf meine Frage, wie lange der Krieg wohl dauern könnte sind sich fast alle einig, dass es sich nur um wenige Monate handeln wird und sie bald wieder in ihre Heimat zurückfahren können. Sie sind alle voller Hoffnung und haben den Willensdrang ihr Land wieder aufzubauen. Und Sie sind überaus dankbar für die Hilfe, die sie hier in Österreich bekommen.

Als ich zu diesem Termin gefahren bin hatte ich einige Vorstellungen, wie es wohl sein wird, mit diesen Menschen zu reden. Aber diese positive Einstellung hat mich sehr überrascht. Als sich dann Olena zu uns setzt und ihre Geschichte erzählt, wird dieses Bild allerdings sehr getrübt. Olena ist etwas über 40 Jahre alt und erzählt von ihrem Sohn. Er war Pilot beim ukrainischen Militär. Sie zeigt mir ein Video auf ihrem Handy, auf dem man den Absturz des Flugzeuges ihres Sohnes sieht. Ihre Hände zittern und sie versucht, gefasst zu bleiben. Im Raum ist es plötzlich still. Irina Guda bietet nicht einfach nur einen Deutschkurs an. Er ist ein Treffpunkt zum Austausch, gibt diesen Menschen Perspektive und Hoffnung, hilft bei der Verarbeitung der Situation und ist vielleicht auch einfach nur Ablenkung. 

Dieser Artikel erschien zuerst in ESSLING Nr. 6 - ein stadtteilmagazin (S. 42)

Autor: Manfred Schmid


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